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Einmal gut lesen, immer gut lesen? Leider nein.

Redaktion und Review

Themenauswahl und Redaktion
Gaby Schweizer

Fachliches Review:

Dr. Henrik Saalbach

bis August 2011: Prof. Dr. Michael Schneider

Seit dem Pisa-Schock vor zehn Jahren ist die Lesekompetenz in der Schweiz wieder stark in den Fokus gerückt – und wird von der untersten Schulstufe an gefördert. Doch Lesekompetenzen bleiben nicht automatisch erhalten: In den oberen Schulstufen sind fachspezifische Trainings nötig, damit die Lesekompetenz nicht auf der Strecke bleibt.    

Seit dem "Pisa-Schock" vor 10 Jahren wird die Lesekompetenz in unseren Schulen ganz explizit gefördert. Die Strategie scheint Wirkung zu zeigen, die Lesekompetenz konnte deutlich gesteigert werden, wie die neueste Pisa-Studie ergab. Der Anteil der (15-jährigen) Schülerinnen und Schüler mit schwachen Lesefähigkeiten beträgt allerdings immer noch 16 Prozent. 

Gute Früh-Leser werden nicht automatisch zu guten Lesern im Jugendalter
Lesekompetenzen lassen sich nicht "einimpfen".

Im Gymnasium wird in der Regel angenommen, dass die Schülerinnen und Schüler in der Primar- oder Sekundarschule richtig lesen gelernt haben und deshalb fähig sind, auch komplexere Texte z.B. aus dem Fach Chemie oder Geschichte zu verstehen. Die Lehr- und Lernforscher Timothy und Cynthia Shanahan von der Universität in Illinois nennen diese implizite Annahme "Impfkonzept": Wurde die Lesekompetenz einmal tüchtig eingeimpft, sei ein Mensch auch später fähig, schwierige Texte zu verstehen. 

Verschiedene Studien zeigen, dass diese Annahme nicht zutrifft: Gute Früh-Leser werden nicht automatisch zu guten Lesern im Jugend- und Erwachsenenalter.

Eine neue Untersuchung aus der Fachzeitschrift "Learning and Individual Differences" zeigt beispielsweise auf, dass für das Verstehen eines Textes je nach Domäne (in diesem Fall handelte es sich um Biologie und Geschichte) unterschiedliche Arten von Vorwissen zentral sind, die erlernt werden müssen und deshalb nicht in der Primarschule mit "eingeimpft" werden können: In der Biologie war das Verständnis zentraler Begriffe bzw. Konzepte ausschlaggebend für das korrekte Erfassen eines Textes. In der Geschichte erwies sich das Kennen von Fakten und den Beziehungen zwischen ihnen als wichtiger.

Die Resultate stützen die These, wonach höhere Lesekompetenzen nicht automatisch eintreten, nur weil Schülerinnen und Schüler diese in der Primarstufe aufwiesen. Der Umgang mit schwierigen Texten muss in den verschiedenen Fachgebieten geübt werden. Fachspezifisches Vorwissen ist dafür unabdingbar.

Timothy und Cynthia Shanahan haben gemeinsam mit Professorinnen und Professoren, Lehrpersonen und Lehrerausbildnern untersucht, welche Strategien  Historiker, Chemiker oder Mathematiker beim Lesen eines Textes aus ihrem Feld verwenden. Sie kamen – je nach Gebiet – zu ganz unterschiedlichen Vorgehensweisen und haben daraus Empfehlungen abgeleitet, wie Schülerinnen und Schüler Texte aus diesen Gebieten lesen lernen sollten.


Fazit: Je höher Schülerinnen und Schüler die Schulstufen hinaufklettern, desto näher an der jeweiligen Disziplin müssen Schreib- und Lesekompetenzen explizit erlernt werden. Insofern sollte das Üben von Textverständnis nicht nur Teil des Deutschunterrichts an Sekundarschulen und Gymnasien sein, sondern auch Teil des Unterrichts in den Naturwissenschaften, in Mathematik oder Geschichte.

Quellen:

Christian Tarchi (2010): Reading comprehension of informative texts in secondary school: A focus on direct and indirect effects of reader’s prior knowledge.
Learning and Individual Differences 20 (2010) 415-420

T. Shanahan and C. Shanahan (2008): Teaching disciplinary literacy to adolescents: rethinking content-area literacy.
Harvard Educational Review, 78 (1), 40-59
Ein Entwurf des Artikels ist frei zugänglich unter:
http://www.cgcs.org/conferences/Paper1.pdf

28. Januar 2011

 

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