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Lerntypen: Magere Bilanz

Redaktion und Review

Themenauswahl und Redaktion
Gaby Schweizer

Fachliches Review:

Dr. Henrik Saalbach

bis August 2011: Prof. Dr. Michael Schneider

Sind Sie ein auditiver Typ oder lernen Sie besser auf die visuelle Art? Glaubt man den unzähligen Angeboten im Internet und Büchern zum Thema, ist längst erwiesen: Menschen lernen besser, wenn das dargebotene Material auf ihren Lerntyp abgestimmt ist. Für diese so genannte "Verzahnungs"-Hypothese (meshing hypothesis ) fehlen allerdings wissenschaftlich erhärtete Belege.  

Lernen Schülerinnen und Schüler besser, wenn das dargebotene Material auf ihren "Lerntyp" abgestimmt ist? Die Fachzeitschrift "Learning and Individual Differences" wird demnächst eine ganze Ausgabe zum Themenkomplex Lerntypen, Lernstile und Denkstile publizieren. Doch schon die unterschiedlichen Begriffe weisen auf ein grundlegendes Problem dieser Wissensdomäne hin, wie Stephen Rayner von der Oxford Brookes University in derselben Ausgabe kommentiert: "Es existiert eine verwirrend grosse Anzahl von Stilmodellen, Messmethoden und Bedeutungen" (Rayner S., 2011).

Um Missverständnissen vorzubeugen: Laut verschiedenen Studien geben Lernende sehr wohl Präferenzen an, wenn sie zum Beispiel gefragt werden, ob sie lieber auditiv oder visuell lernen. Auch ist unbestritten, dass Menschen sich in ihren Vorlieben unterscheiden. "Wir fanden allerdings praktisch keine Evidenz dafür, dass die oben genannte Interaktion ( = Lernen auf Lerntyp abstimmen bringt mehr Lernerfolg) tatsächlich stattfindet", schrieben Harold Pashler und seine Forschungskollegen schon vor zwei Jahren in der Fachzeitschrift "Psychological Science". (Pashler et al., 2009). Sie hatten zahlreiche Studien auf ihre methodische Qualität hin überprüft und beachtliche Mängel festgestellt.

Auch der Lehr- und Lernforscher Richard Mayer von der Universität von Kalifornien hat für die geplante Ausgabe des Journals "Learning and Individual Differences" die eingesandten Forschungsartikel zusammengefasst und kommt zum Schluss, dass keiner davon die Frage nach der Verzahnungs-Hypothese beantworte. (Mayer R. E., 2011).

Ebenso deutlich äussern sich der Begabungs- und Intelligenzforscher Aljoscha Neubauer von der Universität Graz und die Lehr- und Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich in ihrem 2007 erschienenen Buch "Lernen macht intelligent": "Tatsächlich ist die Aufteilung von Lerntypen weder wissenschaftlich begründet, noch hat sie einen praktischen Nutzen. Sinnvollerweise teilt man Menschen nur dann in Typen ein, wenn sich die zugrunde gelegten Kategorien nicht überschneiden. ... Besser ist es von Stilen zu sprechen. Mit Hilfe dieses Konzepts lassen sich Unterschiede zwischen Menschen in fast allen Bereichen beschreiben, ohne dass man sie in Schubladen zwängen muss" (Neubauer A., Stern E., 2007).

Die Art des Unterrichts sollte sich laut Neubauer und Stern am Lerninhalt - und nicht am Lerntyp - orientieren: Im Mathematik- und Physikunterricht beispielsweise müssen die Schülerinnen und Schüler sprachliche, räumliche und numerische Informationen integrieren können. "Entdeckt man bei einem Schüler Defizite in der Nutzung räumlich-visueller Veranschaulichungen, wäre es kontraproduktiv, Inhalte zu versprachlichen, statt den Schüler bei der Nutzung räumlich-visueller Veranschaulichungen zu unterstützen", schreiben Neubauer und Stern.

"Der Kontrast zwischen der enormen Popularität der Verzahnungs-Hypothese und der fehlenden Evidenz betreffend ihrem Nutzen ist frappierend und beunruhigend", schrieb auch Pashler. Derzeit spreche nichts dafür, Schülerinnen und Schüler auf ihre Lerntypen-Präferenzen zu testen.


Quellen:

Mayer R. E. (2011. Does styles research have useful implications for educational practise? Learning and Individual Differences. In press.

Pashler H. et al. (2009). Psychological Science. Learning Styles: Concepts and Evidence. Volume: 9, Issue: 3, Pages: 105-119

Rayner S. (2011). Researching style: Epistemiology, paradigm shifts and research interest groups. Learning and Individual Differences. In press.

Neubauer, A. & Stern, E. (2007). Lernen macht intelligent. Warum Begabung gefördert werden muss. DVA Verlag.  Seiten 252 – 256

11. März 2011


 

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