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Gehirnjogging: Wo bleibt der Transfer?

Redaktion und Review

Themenauswahl und Redaktion
Gaby Schweizer

Fachliches Review:

Dr. Henrik Saalbach

bis August 2011: Prof. Dr. Michael Schneider

Gehirnjogging ist ein Verkaufsschlager: Laut verschiedenen Anbietern  lassen sich damit Hirnregionen gezielt "trainieren", wodurch die geistige Fitness gesteigert werden soll.  Wissenschaftlich betrachtet ist die Beweislage dafür allerdings dürftig. Eine neue Studie bestätigt dies erneut: Als grösste je auf diesem Gebiet durchgeführte Studie hat sie keine Transfereffekte auf die allgemeine Leistungsfähigkeit des Gehirns gefunden. 


Ob Erinnerungsfähigkeit, Reaktionsvermögen oder analytisches Denken: Dank Gehirnjogging liessen sich diese Fähigkeiten im Alltag verbessern, vermelden Anbieter der beliebten Denksportaufgaben. Viele Eltern und Schüler betrachten Gehirnjogging ausserdem als sinnvollen Zeitvertreib, der den Leistungen in der Schule zuträglich ist.
Wissenschaftlich betrachtet ist die Beweislage für einen positiven Effekt ausserhalb der Trainingsaufgaben allerdings dürftig: Bescheidene Effekte wurden bisher bei Kleinkindern sowie älteren Menschen gefunden.

Die Fachzeitschrift Nature hat nun die umfangreichste Studie vorgestellt, die je in diesem Gebiet durchgeführt wurde: Darin absolvierten rund 11 400 Probanden über sechs Wochen mindestens drei Mal pro Woche für mindestens zehn Minuten online Gehirnjogging-Übungen. Die Aufgaben wurden bei einer Leistungssteigerung laufend schwieriger, um den Trainingseffekt zu optimieren. Die Probanden wurden in drei Gruppen eingeteilt: Die erste trainierte die Argumentationsfähigkeit, das Planen und Problemlösungsverhalten. Die zweite schulte das Kurzzeitgedächtnis, die Aufmerksamkeit, das räumliche Vorstellungsvermögen und mathematische Fertigkeiten (Website mit den Aufgaben). Die dritte Gruppe diente zum Vergleich, sie beantwortete Fragen mithilfe des Internets.

Nach sechs Wochen stellte sich heraus, dass die Teilnehmer zwar bei den online-Aufgaben sehr starke Leistungssteigerungen erzielt hatten. Ihre allgemeine geistige Leistungsfähigkeit wurde dadurch allerdings nicht verbessert. Nicht einmal ähnliche Aufgaben – beispielsweise betreffend dem Erinnerungsvermögen – konnten die Teilnehmer nach dem Training besser lösen. "Die Ergebnisse geben keinerlei Hinweise darauf, dass Gehirnjogging die kognitive Funktion des Gehirns verbessert", schreiben die Autoren.

Die Resultate korrelieren mit einer zentralen Erkenntnis der Lehr- und Lernforschung: Transfereffekte sind beim Lernen  – unabhängig vom Thema – schwerer zu erzielen, als man sich dies wünschen würde. Denn das Gehirn ist kein Muskel, der als Ganzes trainiert werden kann. Neues Wissen legt das Gehirn dort ab, wo es die Fähigkeit erlernt hat, "bereichspezifisches" Abspeichern ist der Fachausdruck dafür. Soll diese Fähigkeit dann auf einen neuen Bereich  ausgeweitet werden, klappt der Transfer leider meist nicht "von alleine": Gezieltes Üben ist notwendig, um das Erlernte auf andere Aufgaben zu übertragen. Hat ein Schüler beispielsweise Ableitungen in der Mathematik gemeistert, bedeutet dies noch nicht, dass er sie auch in der Physik anwenden kann – ein Phänomen, das vielen Physiklehrerpersonen bekannt sein dürfte.

Kritiker der Studie bemängeln, sechs Wochen seien zu wenig, um überhaupt einen Transfereffekt beobachten zu können. Aus der Lehr- und Lernforschung gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass ein Transfer nach längerer Zeit gratis erfolgt. Der Transfer bleibt eine anstrengende Angelegenheit -  und eine der grössten Herausforderungen des Unterrichts.

Links:
Mehr zu Gehirnjogging auf EducETH
Übungen auf der Website von BBC, welche für die Studie benutzt wurden

Quelle:
Adrian Owen et al: Putting brain training to the test.
Nature. Online publiziert am 20. April 2010

1. Juni 2010

 

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